Laudatio

von Herrn Prof. Dr. T. Richter, gehalten zum Festabend der Jahrestagung der Sächsisch-Thüringischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin und Kinderchirurgie am 16. April 2010 in Erfurt
Joachim Misselwitz wurde 1945 in Altenburg geboren, studierte Humanmedizin an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und verteidigte 1970 seine Doktorarbeit. Unter dem Direktorat von Prof. Dr. Wolfgang Plenert begann er seine ärztliche Tätigkeit an der Universitäts-Kinderklinik Jena. Prof. Misselwitz hat deren Bild durch seine Arbeit als Arzt, Wissenschaftler und Hochschullehrer über 38 Jahre geprägt.
Im Jahr 1972 wurde dem jungen Assistenzarzt die Verantwortung für das im Entstehen begriffene Teilgebiet der Kindernephrologie übertragen. 1975 folgten die Anerkennung als Facharzt für Kinderheilkunde und eine dreijährige Tätigkeit als verantwortlicher Arzt einer nephrologisch-endokrino-logischen Station. Bereits 1978 erwarb er die Spezialisierung für das Fach Kindernephrologie, 1986 habilitierte sich Joachim Misselwitz mit einer Arbeit über Harnwegsinfektionen bei Kindern, 1989 folgte die Ernennung zum Oberarzt. Im Jahr 1992 gründete er in Zusammenarbeit mit dem Kuratorium für Dialyse und Nierentransplantation (KfH) e. V. Neu-Isenburg das KfH-Kinderdialysezentrum an der Kinderklinik Jena, das einzige seiner Art in Thüringen. Bereits ein Jahr später erfolgte die Berufung zum Universitätsprofessor an der FSU. Gleichzeitig wurde ihm die Leitung der Sektion Kindernephrologie an der Universitäts-Kinderklinik übertragen.
In den ersten beiden Dekaden seiner medizinisch-wissenschaftlichen Tätigkeit beschäftigte sich Prof. Misselwitz mit Harnwegsinfektionen, der Refluxkrankheit und dem Kalzium-Phosphatstoffwechsel. Ab 1992 rückten auch Probleme der Nierenfunktion im Zusammenhang mit onkologischen Erkrankungen in den Mittelpunkt seines wissenschaftlichen Interesses. Zu nennen sind hier vor allem Nierenfunktionsstörungen und der renale Phosphatverlust nach Knochenmarktransplantationen sowie die Nephrotoxizität. Weiterhin beschäftigte er sich mit Fragen des Nierenwachstums, der Nierenfunktion und der Blutdruckregulation bei Kindern mit verschiedenen vererbbaren renalen Erkrankungen. Aber auch moderne biochemische Techniken wie die Proteomics-gestützte Suche nach Biomarkern beim ebenfalls vererbbaren Alport-Syndrom fanden sein Interesse. Eine große Zahl der Arbeiten wurde z. B. durch die Deutsche Krebshilfe und die Deutsche Leukämie-Forschungshilfe gefördert, was als Beleg für die hohe wissenschaftliche Qualität gelten darf. Die Ergebnisse dieser vielschichtigen und erfolgreichen wissenschaftlichen Aktivitäten fanden bisher in 70 Publikationen, mehr als 150 publizierten Abstracts sowie nochmals doppelt so vielen nationalen und internationalen Vorträgen ihren Ausdruck. Prof. Misselwitz betreute zudem mehr als 20 erfolgreich abgeschlossene Dissertationen und Habilitationsarbeiten. Er ist seit 1999 Mitglied der Promotionskommission und fungierte über drei Jahre bis 2003 als deren Vorsitzender.
Als herausragender akademischer und klinischer Lehrer ist Prof. Misselwitz Vorbild für viele Generationen von Studenten und Kinderärzten. Er genießt bei den Studierenden der Humanmedizin über seine beispielhaften Vorlesungen zur pädiatrischen Nephrologie hinaus auch deshalb größte Wertschätzung, weil er sich über viele Jahre aktiv für deren Belange eingesetzt hat: Seit 1993 war er Mitglied der Studienbeihilfekommission und seit 1995 Vertrauensdozent des Evangelischen Studien-werkes. Über mehr als 10 Jahre war er außerdem Verantwortlicher für Ausbildung und Lehre der Universitätskinderklinik Jena und von 2003 bis 2007 Mitglied der Kommission „Lehre und Studium“ der Medizinischen Fakultät.
Mit der Gründung des KfH-Nierenzentrums für Kinder und Jugendliche in Jena hat Prof. Misselwitz nicht nur die Grundlage für die Dialysebehandlung chronisch niereninsuffizienter Kinder, sondern auch die Basis für ein erfolgreiches Transplantationsprogramm in Thüringen geschaffen. Er hat es verstanden, die enge symbiotische Vernetzung von gemeinnütziger Tätigkeit und medizinischer Versorgung zum Wohle nierenkranker Kinder und Jugendlicher zu etablieren. Dank seines Engagements genießen sowohl Kinder als auch Eltern eine hochwertige medizinische Behandlung, menschliche Zuwendung und Hilfe.
Einen weiteren wichtigen Aspekt seiner Tätigkeit bildete die interdisziplinäre Behandlung von Patienten mit schweren und lebensbedrohlichen Erkrankungen in den Bereichen Onkologie, Neonatologie und Intensivmedizin. Gerade in kritischen Situationen haben wir seine stete Freundlichkeit und sein besonnenes Wesen schätzen gelernt, ebenso die Kompetenz und Konsequenz, mit der klinische Probleme im Sinne der Patienten im Dialog diskutiert und gelöst wurden.
Diesen kollegialen Dialog zum Nutzen der Kinder mit nephrologischen Grunderkrankungen hat Prof. Misselwitz jedoch nicht nur innerhalb unserer Klinik, sondern weit darüber hinaus, national und international, geführt und auf diesem Gebiet auch die Integration von Ost und West in beispielhafter Weise vorangetrieben. Die außerordentliche Wertschätzung seiner klinischen Erfahrungen und wissenschaftlichen Aktivitäten führte unter anderem dazu, dass ihm die Präsidentschaft der Jahres-tagungen der Gesellschaft für Pädiatrische Nephrologie 1996 und 2008 übertragen wurde.
Seit 1995 war Prof. Misselwitz Mitglied im Vorstand der Sächsisch-Thüringischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin. Zunächst als Schriftführer und 2. Vorsitzender sowie schließlich von 2005 – 2007 als 1. Vorsitzender der Gesellschaft war er insgesamt 12 Jahre im Vorstand aktiv. In dieser Zeit stiegen Mitgliederzahl und die Teilnehmerzahl an den Jahrestagungen deutlich an. Die kinderchirurgischen Kollegen wurden in die Gesellschaft aufgenommen und integriert. Dies wurde nicht nur durch die Namensänderung der Gesellschaft sondern vor allem an der inhaltlichen Gestaltung der Jahrestagungen sichtbar. In diesen zwölf Jahren begann sich ebenfalls die Fortbildungsveranstaltung zu entwickeln – sie ist heute ein wichtiger Teil der Jahrestagungen.
Mit der Verleihung der Ehrenmitgliedschaft würdigt die Sächsisch-Thüringischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin und Kinderchirurgie die Verdienste von Herrn Prof. Misselwitz die er sich durch seine langjährige Tätigkeit im Vorstand der Gesellschaft erworben hat.